Mit Ecken und Kanten zum Erfolg

Mit Ecken und Kanten zum Erfolg

Ich mag Menschen, die kantig sind. Die ihre Meinung sagen und auch mal gegen den Strom schwimmen. Kanten sind sympathisch. Meine Überzeugung ist, dass wir in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft mehr davon bräuchten. Weniger breite Masse, die mit dem Hauptstrom mitschwimmt, als ein paar mehr Vorschwimmer, Seitwärtskrauler oder Hochhüpfer. Für mehr Bewegung und Vielfalt in unserem Denken, in unserer Wirtschaft.

Illustration von Andrea Rawanshad, Kanzlei waagerecht

Illustration von Andrea Rawanshad, Kanzlei waagerecht

Streitgespräche – Respektvoll sollen sie sein

Die meisten, die mich kennen, ordnen mich eher kantig als glatt geschliffen ein. Weil ich die Auseinandersetzung unterschiedlicher Meinungen nicht scheue. Im Gegenteil. Das konstruktive Streitgespräch führt eher zur spannenden neuen Erkenntnis. Konstruktiv wohlgesagt. Wichtige Spielregel dabei ist, sein Gegenüber wertschätzend zu behandeln. “Respektvollen Klartext” nennt Andrea Rawanschad dies in ihrem Blogbeitrag bei TRUDY.

Ecken und Kanten fordern heraus

Nur – wie viele Ecken und Kanten verträgt Dein Umfeld? Manchmal eckt man an, weil es schlicht nicht erwartet wird, dass Jemand Klartext spricht. Mancher nimmt es gleich persönlich. Das fängt schon mit der Kleidung an. In den ersten Jahren meiner Selbständigkeit habe ich Kostüme in meinen Kleiderschrank gehängt – und angezogen. Irgendwann merkte ich, dass das eine fremde Person ist im Kostüm und nicht ich. Ich mag Kostüme einfach nicht, sie fühlen sich für mich an wie eine Uniform. Jeder, der sie gerne trägt, wird sich wohl fühlen und gut durch den Tag gehen. Aber was, wenn man sie nicht mag? Anpassen „weil man das so macht“ oder “den eigenen Weg gehen”?

Wer ist dieser “man”, der alles so macht?

Wie oft begegne ich diesem Spruch „weil man das so macht“ und ich merke, wie ich mich dagegen sträube weil ich von diesem Prinzip schlicht nicht überzeugt bin. Es geht nicht darum, stets das Rad neu zu erfinden, aber das “man“ darf auch keine Rechtfertigung für das eigene, nicht wohl überlegte Handeln sein. Gerade bei Fragen rund um uns selbst dürfen wir es uns nicht bequem machen, denn ein großes Ziel ist die eigene Entwicklung. Beispiel: eine Bekannte startete eine Versteigerung bei ebay und erzählte mir, dass sie mit einem weiteren Account mit bietet, damit der Preis stimmt. Ich finde diese Vorgehensweise nicht richtig und teilte ihr das mit (was sonst ;) ). Die Antwort „Das machen doch alle“ beunruhigt mich und ist keine Entschuldigung. Wer sind denn “man” und “alle”? Die anonyme Masse bietet zu schnell Rechtfertigung für ein Handeln, das moralisch nicht vertretbar ist. Wichtig ist, dass jeder Einzelne achtsam ist und sich fragt, wie er handeln will und was richtig ist. Meine Kinder frage ich immer “Willst Du von Deiner Freundin/Deinem Bruder/Deinem Gegenüber so behandelt werden, wie Du Dich gerade verhältst?”. Diese kleine Übung macht achtsam – es ist zumindest ein Anfang.

Positive Angriffsfläche bieten

Das gleiche gilt für die Uniform im Berufsalltag. Wäre nicht etwas mehr Individualität wünschenswert und aussagekräftiger? Zur Zeit einer großen Immobilienmesse postet ein Freund aus der Münchener U-Bahn „Wer viele Männer in grauen oder blauen Anzügen sehen will, soll bitte zur Messe kommen“.

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Meine spontane Antwort „Mehr Entropie wäre schön“ (Entropie beschreibt in der Informationstheorie ein Maß für den Informationsgehalt), weil ich mich freue, wenn Menschen ihrer Individualität Ausdruck geben und sich dies bewusst trauen. Sie machen sich greifbarer, bieten “Angriffsfläche” im positiven Sinne. Sie drücken sich non-verbal aus. Nicht umsonst kennen wir alle die ganz großen Modemacher dieser Welt. Sie werden gefeiert weil sie dem Menschen helfen, sich auszudrücken. Und auch wenn wir alle nicht in Haute Couture zur Arbeit gehen oder jemals auf dem roten Teppich stehen, so bietet die Kleidung Ausdruck der Persönlichkeit, des eigenen Ich und vielleicht den ersten freundlichen Kontaktpunkt zu meinem Gegenüber. Das im Geschäftsalltag leider allzu oft in der grauen Masse verschwindet – weil “man” das so macht.

Wie viel Individualität verträgt der Berufsalltag?

Sicher sind die Freiheitsgrade je nach Beruf unterschiedlich. In der Bank am Schalter ist der Anzug gesetzt und vermittelt wichtige Seriösität. Aber wie sehr freue ich mich, wenn ich beispielsweise ein Häkelblümchen am Revers entdecke und mich daran erfreue, diese vielleicht sogar als Ausgangspunkt für ein Gespräch dient, in dem ich mein Gegenüber ein wenig mehr kennen lerne. Jede Branche hat ihre eigenen Freiheitsgrade. Dem Künstler gesteht man ein schrilles Outfit zu, den Berater erwartet man im Anzug. Zumeist entdeckt man aber nur Wenige, die von ihren Freiheitsgraden Gebrauch machen.

Sprache ist stark und soll sich ausdrücken dürfen

Ein weiterer Punkt: Sprache. Im Wirtschaftsalltag führen wir viele Gespräche und zu oft begegnen einem Floskeln. Leere Sätze rauben einem Zeit und ich wünsche mir den direkten Austausch im Gespräch. Wäre es nicht schön, einfach „Klartext“ zu reden, um gemeinsam voran zu kommen? Habe ich zu dem Gesprächspartner ein gutes Vertrauensverhältnis, könnte ich es direkt ansprechen. Aber ein enges Vertrauensverhältnis entsteht nur, wenn man es zulässt und nahbar ist. Der Knigge sagt “je höher die Position in der Hierarchie, desto dunkler die Kleidung”. Schwarze Kleidung ist ein Zeichen von Respekt (insbesondere Trauerfall) und hält Andere auf Distanz. So betrachtet wäre mir ein nicht kniggetaugliches großgemustertes Jackett manchmal fast lieber.

Es sind eher die distanzierten, recht festen Strukturen, die sich wie eine selbsterfüllende Prophezeiung weiter um sich selbst drehen und festigen, statt Einfluss von außen wahrhaft wirken zu lassen. “Distanz abbauen” ist ein einfaches Prinzip, das auch im Großkonzern ein wichtiges Umdenken anstoßen kann.

Offenheit und Verantwortung fürs eigene Tun sind wichtig

Vermutlich ecke ich auch mit dieser Forderung an. Aber die Diskussion dazu würde mich interessieren. Ist das wirklich nur ein Thema der „Firmenkultur“? Falls ja, kann man das ändern? Es gibt Firmen, die erlebe ich komplett anders. Offen, direkt, ohne große Umwege. Startups ticken so. Schließlich bauen sie selbst die Regeln, auf denen sie groß werden. Je größer das Unternehmen, desto mehr Politik und „das macht man so“ statt straighter Persönlichkeiten, die machen dürfen und sollen. Sicherlich ist es schwierig, in großen Strukturen die Offenheit zu bewahren, aber wie viel mehr würden wir gewinnen, wenn sich Jeder in seiner Verantwortung wahrhaftig ausdrücken würde?

Mutig machen

„Haben wir zu wenige Macher oder zu wenig Mut in diesem Land?“

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Haben wir zu wenige Macher oder zu wenig Mut in diesem Land? Ein Konzernmitarbeiter sagte mir “Stell Dir vor: Der Entscheider konnte sich ein Häuschen am Stadtrand kaufen, er hat Frau und Kinder. Die Hausfinanzierung hängt von seinem Gehalt ab. Er will keine Entscheidung fällen, die falsch ist.” Das hat mich sehr ins Nachdenken gebracht. Ist ein Motiv des “nicht entscheiden”, “anders sein”, “nicht auffallen wollen” die Angst? Angst um den Job? Als Arbeitnehmer ist man in Deutschland ja eigentlich sicher und zumindest rechtlich deutlich stärker abgesichert als beispielsweise in den USA. Angst war noch nie ein guter Berater und ist sicher kein Nährboden für Innovation und Fortschritt. Wir brauchen mutige Menschen, die voran gehen, auch kantige Entscheidungen treffen (dürfen) und sich was trauen. “Am Mute hängt der Erfolg” sagte Theodor Fontane.

Migranten als historischer Wettbewerbsvorteil

Die USA machen es uns vor. Hinter weltbewegenden Innovationen von Apple oder Tesla stehen mutige Macher, Steve Jobs oder Elon Musk. Und es gibt zig kleine Erfolge, deren Namen uns nicht geläufig sind. Eckig, kantig, andersdenkend. Die Menschen haben den Mut und machen einfach. Sie probieren. Fallen hin, stehen wieder auf. Ein Land, dessen Einwohner alle einen Migrationshintergrund haben, kennen kein „man macht das so“ sondern “Jeder muss sich seinen eigenen Weg suchen”.

„Wir brauchen starke Frauen und Männer mit Ecken und Kanten, die unsere Wirtschaft voran bringen“

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Mut zur Individualität tut uns gut

Ich wünsche mir mehr Aufbruchstimmung zu mehr Individualität und mehr konstruktivem Dialog. Das täte schon unseren jüngsten Mädels gut, denn da fangen die Stereotype bereits an. Dabei brauchen wir starke Frauen und Männer mit Ecken und Kanten, die unsere Wirtschaft und Gesellschaft der Zukunft prägen und voran bringen.

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